"...schöne Zeiten, als man Leute noch gegen sich aufbringen konnte"

(af). "Call me Ishmael" steht auf dem hellblauen T-Shirt, mit dem Friedhelm Rathjen dem Novembertag trotzt. Der Blick durchs Fenster zeigt einen nassen Scheeßeler Bürgersteig, Renovierungsgeräusche dringen aus dem ersten Stock. Zwischen Fenster und Bücherregal hat Rathjen sich in ein altes Sofa sinken lassen. Das T-Shirt hat nichts damit zu tun, dass der Übersetzer und Autor seinen Vornamen vergessen hat. "Call me Ishmael" ist der berühmte erste Satz von Herman Melvilles Roman Moby-Dick, den der Scheeßeler erstmalig vorgabegetreu ins Deutsche übertragen hat. Sein Verhältnis zum Epos vom weißen Wal sei eine "uralte, leidige Geschichte", meint Rathjen - und beginnt, mit viel Zufriedenheit von seiner Arbeit zu erzählen"

Rundschau: Fast jeder kennt die Geschichte von Käpt‘n Ahab, dem Walfänger mit der fixen Idee. Moby-Dick ist auch ein Buch über Besessenheit. Muss man besessen sein, um es übersetzen zu wollen? Rathjen: Ein bisschen besessen schon. Inwiefern? Ich habe festgestellt: So monströs wie der Wal ist, ist das Buch selbst auch. Melvilles Text ist ungelenk und voller irrwitziger Inkonsequenzen. Es gibt völlig verdrehte Sätze über mehrere Seiten. Und obwohl die Handlung auf einem Walfänger spielt, schreibt der Autor eigentlich über die ganze Welt. Klingt anstrengend. Das haben Sie sich sicher immer nur in kleinen Happen zugemutet. Mein Arbeitsstil ist das genaue Gegenteil. Wenn ich arbeite, dann am liebsten sieben Tage rund um die Uhr. Schließlich begibt man sich in eine ganz andere Welt - und in den Sprachgestus muss man erst reinkommen. Laufen Sie da nicht Gefahr, beim Bäcker auf einmal wie Käpt‘n Ahab zu sprechen? Die Gefahr besteht. Auf jeden Fall habe ich beim Brötchenholen nicht die Brötchen im Kopf, sondern wälze Formulierungen. Mein Anspruch war, die altertümliche Sprache aus Moby-Dick mit Wörterbüchern aus jener Zeit in altes Deutsch zu übertragen. Eine andere große Herausforderung war die Seemanns-Terminologie. Melville kannte sich ja aus mit der Materie, ist selbst auf Walfängern gefahren. Und die Segelschiffe waren damals natürlich noch viel komplizierter als heute. Da kamen immer wieder Fachbegriffe vor, die ich im Original nicht verstand, und die habe ich dann übersetzt in deutsche Fachbegriffe, die ich auch nicht verstand. Der Originaltext ist eine harte Nuss. Melvilles Zeitgenossen hatten für seinen großen Wurf nicht viel übrig. Stimmt. Melville war ein Erfolgsschriftsteller - vor Moby-Dick. Das Buch, das heute mit seinem Namen verbunden ist, hat damals seinen Ruin bedeutet. Trotzdem wollten Sie alle stilistischen Macken des Originals erhalten - während alle Übersetzer vor Ihnen eher den Anspruch hatten, den Text zu glätten und leichter lesbar zu machen. Welcher Verlag lässt sich auf so ein Unterfangen denn ein? Meine Übersetzung ist jetzt bei 2001 erschienen. Und hat sich schon jemand getraut, sie zu kaufen? Ende Oktober war die erste Auflage von 3.400 Exemplaren so gut wie vergriffen. Inzwischen ist ein neuer Druck vorrätig. Sie sprachen zu Beginn von einer "uralten, leidigen Geschichte", was ihre Beziehung zu Moby-Dick betrifft. Das Ganze begann Anfang der 90er Jahre, als ich gebeten wurde, einige Kapitel für eine Literaturzeitschrift zu übersetzten. Daraus wurde dann das ganze Buch, für das sich der Hanser-Verlag interessierte. Aber die Umsetzung scheiterte immer wieder. Schließlich kam ein neuer Herausgeber, dem meine Übersetzung aber nicht gefiel. Ein Überarbeiter wurde beauftragt, dem beim Überarbeiten aber die Gäule durchgegangen sind. Das Buch war am Ende so verändert, dass mein Name nicht mehr draufstehen konnte. Ich lasse mich nicht gerne loben für Dinge, die ich nicht gemacht habe. Lieber lasse ich mich beschimpfen für etwas, für das ich auch verantwortlich bin. Und dann erschien Moby-Dick zunächst bei Hanser ohne ihren Namen? Ja, vor drei Jahren. Aber ich bekam meine Rechte zurück. Schließlich entstand über Norbert Wehr, den Verleger der Zeitschrift Schreibhefte, der Kontakt zu 2001. Täuscht der Eindruck, oder haben Sie in der letzten Zeit eine Menge Lesestoff unters Volk gebracht? Das liegt daran, dass ich angefangen habe, meine eigenen Sachen im Selbstverlag zu veröffentlichen. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, irgendwelchen unwilligen Verlagen hinterherzulaufen. Die Sachen lagen zum Teil schon lange in der Schublade. Eigenverlag - lohnt sich das? Diese Bücher habe ich nicht geschrieben, um davon zu leben - mehr, um sie abzuhaken. Trotzdem habe ich mit bemüht, "Kuckuckseier und Nestbeschmutzer" vor Weihnachten herauszubringen. Für dieses Buch haben sie eine Menge skurriler Geschichten über mehr oder weniger bekannte Schriftsteller ausgegraben. Das sind alles Sachen, die ich seit Ende der 80er Jahre für Radio Bremen gemacht habe. Die Idee war, unterhaltsam über Literaten zu schreiben, die in der Region verankert sind. Sie hatten übrigens alle ein Problem mit ihrer Heimat. Wie Rolf-Dieter Brinkmann, der Krawall-Lyriker aus Vechta. Das waren schöne Zeiten, als man die Leute noch gegen sich aufbringen konnte. Heute kann man mit Heimatbeschimpfungen ja niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Legen Sie es darauf an? Nein. Ziemlich lange Zeit hatten die Leute hier überhaupt keine Vorstellung von dem, was ich überhaupt mache. Allerdings gelte ich als Waldschrat, wenn ich irgendwo in der Großstadt auftauche. Weil sie aus der Provinz kommen? Ich bin ganz froh darüber. Die Klüngel und Grüppchen im Literaturbetrieb liegen mir nicht. Ich mag die Unabhängigkeit: Ich kann Dinge loben oder ablehnen, ohne Rücksicht zu nehmen. Ich bin jemand, der nicht gerne das treibt, was alle machen. Einer ihrer Helden im Nestbeschmutzer-Band ist Arno Schmidt, von dem Sie berichten, wie er versucht hat, als Küster in der Nähe von Lilienthal unterzukommen. Was hat den denn geritten? Schmidt hatte zu der Zeit in Darmstadt gelebt und wollte unbedingt da weg. Er hat sogar in Rotenburg eine Anzeige aufgegeben: "Schriftsteller-Ehepaar, kinderlos, sucht billige Wohnung". Daraus ist aber nichts geworden. An Lilienthal war für ihn Interessant, dass er einen Roman über eine historische Figur schreiben wollte, den Hobbyastronomen Schröter. Dazu wollte er wohl dessen Geschichte nachspielen und unbedingt im Pfarramt von St. Jürgen einziehen, obwohl er mit Kirche nichts am Hut hatte. Sind Menschen wie Arno Schmidt nicht bereits bis zu den Einkaufslisten literaturwissenschaftlich durchleuchtet? Wie lässt sich über solche Personen überhaupt noch was Neues finden? Diese Küstergeschichte war bereits vage bekannt, aber sie war noch nicht belegt. Das hat mich inspiriert, nachzuforschen. Der damalige Pastor hat mir eine Kopie von Schmidts Bewerbungsbrief geschickt, in dem er fürchterlich vom Leder zieht. Übrigens hat mir der Pastor erzählt, dass der Brief beinahe im Abfall gelandet wäre. Der Pastor hat ihn aus dem Stapel für den Mülleimer rausgefischt, als er die Stelle angetrat. Ihre eigenen Bücher können im Buchhandel bestellt werden oder direkt bei Ihnen unter rejoyce@gmx.de. Aber zum Schluss noch mal zurück zum Übersetzten. Wie kann man eigentlich davon leben? Im Moment läuft es ganz gut, ich bin zufrieden. Aber es ist sinnvoll, wenn man keinen Riesenbedarf an Reichtümern hat. Das Interview führte Rundschau-Redakteurin Annette Freudling Viele Klassiker neu übersetzt Friedhelm Rathjen, Übersetzer und Autor, wurde 1958 in Westerholz bei Scheeßel geboren. Sechs Jahre lang studierte er in Münster (Westfalen) Publizistik, Germanistik und Anglistik. Seit 1983 schreibt er Buchrezensionen für verschiedene große Tages- und Wochenzeitungen sowie Radiosender. Seit 1987 veröffentlicht er literaturwissenschaftliche Aufsätze, hauptsächlich zu Arno Schmidt, James Joyce und Samuel Beckett. Rathjens erste Übersetzung aus dem Englischen erschien 1989. Zu den inzwischen von ihm übertragenen Werken gehören Klassiker wie "Finnegans Wake" (James Joyce), "Die Abenteuer von Huckleberry Finn" (Mark Twain) und "Die Schatzinsel" (Robert Louis Stevenson). Seine Neuübertragung von "Moby-Dick; oder: Der Wal" erschien 2004 beim Verlag Zweitausendeins. Rathjens neuestes eigenes Buch "Kuckuckseier und Nestbeschmutzer" ist im Eigenverlag erschienen (ISBN: 3-00-015073-0) und kann im Buchhandel oder im Internet unter rejoyce@gmx bestellt werden. Bild: "Wenn ich irgendwo in der Großstadt auftauche, gelte ich als Waldschrat", meint Friedhelm Rathjen und ist froh darüber, dass er abseits der Klüngel des Literaturbetriebs arbeiten kann

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