Die gewagte Rechnung von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke

Mit Bemerkungen zu einem potenziellen Verfehlen der Champions League hat Hans-Joachim Watzke bei den Fans von Borussia Dortmund für Aufregung gesorgt.

Dortmund – Das Debüt von Niko Kovač als Cheftrainer bei Borussia Dortmund am Samstag hat gleich richtungweisenden Charakter für die restliche Saison in der Bundesliga: Bei drei Punkten Rückstand auf die Gäste vom VfB Stuttgart besteht die Chance, zu einem Konkurrenten um die Plätze, die am Ende der Spielzeit zur Teilnahme an der Champions League berechtigen, aufzuschließen. Mit einem deutlichen Heimsieg würde der BVB die Schwaben gar überholen.

Aktuell belegt Dortmund nur Rang elf, das klingt weiterhin nach großer Krise. Jedoch hat Interimstrainer Mike Tullberg mit vier Punkten aus den Spielen gegen Werder Bremen (in langer Unterzahl) und beim 1. FC Heidenheim eine kleine Trendwende eingeleitet, die Kovač fortführen soll. Die Botschaft von Sportchef Lars Ricken anlässlich der Vorstellung des neuen Dortmund-Trainers war klar: Der BVB hat das Saisonziel Königsklasse noch keineswegs aufgegeben.

Scheidender BVB-Boss Watzke trat bei Branchenmesse Spobis auf

Vor diesem Hintergrund sorgten Aussagen von Dortmunds Oberboss Hans-Joachim Watzke bei der Branchenmesse Spobis bei vielen BVB-Fans für Irritationen.

Der im Herbst endgültig aus der Geschäftsführung ausscheidende langjährige Klubchef wurde in Hamburg zu den wirtschaftlichen Folgen einer Saison ohne Champions League befragt. Die Botschaft von Watzke: Alles gar nicht so schlimm!

„Dann macht der BVB ein oder zwei Transfers und alles ist wieder im Lot“

„Das hält der BVB auch zwei Jahre aus. Verglichen mit dem, was der BVB schon alles ausgehalten hat, ist das wirtschaftlich nicht vernachlässigenswert, das wäre zu viel gesagt, aber: Dann macht der BVB ein oder zwei Transfers und alles ist wieder im Lot. Ganz einfach“, behauptete Watzke.

Dortmund habe „ein paar Spieler, die sehr begehrt sind in Europa. Der BVB lebt immer davon, dass wir jedes zweite Jahr einen großen Transfer machen. Überlegen Sie mal, wen wir alles verkauft haben, und es gibt uns immer noch“, zählte Watzke Jude Bellingham, Erling Haaland, Ousmane Dembélé, Pierre-Emerick Aubameyang und Robert Lewandowski auf – obwohl der Pole einst ablösefrei zum FC Bayern wechselte.

Dortmund hat inzwischen viel mehr Konkurrenz in der Bundesliga

Das Problem für den BVB: Den regelmäßigen Substanzverlust hat sich der Klub in einem anderen sportlichen Umfeld leisten können. Für Dortmund ging es viele Jahre in erster Linie um die Frage, wie nahe man dem FC Bayern kommen werde. Inzwischen ist der Wettbewerb deutlich größer. Der BVB ist nicht mehr zwingend der zweite Leuchtturm im deutschen Fußball, um in der Diktion von Watzke zu bleiben.

Bayer Leverkusen hat mit dem Double in der Vorsaison einen riesigen Schritt gemacht, RB Leipzig hat gegenüber einem Traditionsverein wie Dortmund strukturelle Vorteile. Zudem sind mit Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart große Vereine aus dem ausgedehnten Dornröschenschlaf erwacht und haben, jedenfalls in der Momentaufnahme, zum BVB aufgeschlossen – ihn teils sogar schon überholt.

Wenn DAZN-Experte Sebastian Kneißl im Interview mit fussball.news die Eintracht als „das beste Sprungbrett in Europa“ bezeichnet, sollte das in Dortmund zu denken geben. Schließlich war diese Rolle lange dem BVB vorbehalten.

Watzke will erst im Mai ein BVB-Fazit ziehen

Faktisch hat Watzke recht, Dortmund kann sicherlich nicht nur eine Saison ohne die hohen Einnahmen aus der Champions League überstehen. Der sportliche Substanzverlust, wenn die Spieler mit dem höchsten Marktwert verkauft werden müssen, um Löcher zu stopfen, sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Der Klub kann nicht davon ausgehen, beispielsweise Unterschiedsspieler Jamie Gittens, Torhüter Gregor Kobel oder den wohl designierten nächsten BVB-Kapitän Nico Schlotterbeck ohne Weiteres zu ersetzen.

Selbstredend muss das Szenario erst eintreten, dass Dortmund keinen Zugang zu den großen Geldtöpfen der UEFA-Vermarktung findet. „Wir sind nicht zufrieden mit der jetzigen Situation, es ist aber auch noch nichts abgeschenkt. Ich bin immer großer Fan davon, dass wir nicht Anfang Februar Bilanz ziehen, sondern Ende Mai. Letztes Jahr waren wir Ende Januar Sechster, haben uns am Ende für die Champions League qualifiziert und standen im Champions-League-Finale“, erinnerte Watzke.

Watzke meint: Saison ohne Champions League kann Vorteil sein

Zu große Selbstgefälligkeit sollte der BVB dabei aber sicher nicht an den Tag legen, immerhin reichte nur wegen der Reform des Europapokals auch Rang fünf in der Abschlusstabelle der Bundesliga für die Königsklasse. In der laufenden Saison ist dieser Zug mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits abgefahren. Dortmund wird mindestens Platz vier holen müssen.

Und wenn das wirklich nicht gelingt? Watzke überraschte in Hamburg mit der Darstellung, dass darin sogar Chancen lägen. „Nehmen Sie mal Bayer Leverkusen, die haben es vor zwei Jahren auch nicht geschafft und waren ein Jahr später Deutscher Meister. Als wir 2011 Meister geworden sind, haben wir auch nur Europa League gespielt. Die Champions League kostet auch unheimlich viel Substanz, du musst mehr Spieler vorhalten, hast pausenlos englische Wochen, das ist nicht so einfach.“

Die Worte des BVB-Chefs wirken unambitioniert

Allerdings gilt dies auch für die Europa League oder gar Conference League, für die es beim BVB nach menschlichem Ermessen schlichtweg reichen muss, wenn nicht sogar noch mehr: In der Champions League sind nach der Ligaphase die Klubs aus den großen Ligen unter sich, die Bedingungen genügen überall höchsten Standards. In der Conference League spielen kommende Woche auch zahlreiche Klubs aus kleinen Märkten wie Island, Serbien oder Zypern.

Eine Kausalkette wird indes auch Watzke nicht erkennen: Bayer Leverkusen ist sicher nicht Meister und DFB-Pokalsieger geworden, WEIL die Elf von Xabi Alonso nicht in der Champions League spielte. Schließlich zog sie auch ins Finale der Europa League ein. Die Werkself schaffte schlichtweg den Tanz auf drei Hochzeiten besser als der BVB. Gar nicht erst zum Tanz aufgefordert zu werden, ist aber auch keine Lösung.

Grundsätzlich wunderten sich BVB-Fans über die Ambitionslosigkeit, die Watzke mit seinen Worten zur Schau zu stellen schien. Von einem Verantwortlichen des FC Bayern würde es in einer vergleichbaren Situation mutmaßlich Kampfansagen geben. Auch in Leverkusen wird in dieser Saison nur von Titeln gesprochen. Das wäre beim BVB vermessen, zu sehr in die entgegengesetzte Richtung darf es aber auch nicht ausschlagen.

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